Intelligenzdiagnostik          für Vorschulkinder ab dem 4. Lebensjahr und für SchülerInnen bis zu 16. Jahren

 

Underachievement - Wenn die Hochbegabung unsichtbar bleibt 

Definition:

Underachievement wird definiert als erwartungswidrige schulische Minderleistung bei hochbegabten Kindern. Demnach lässt sich ein Kind als Underachiever   bezeichnen, wenn es sein (per Testgutachten) nachgewiesenes, hohes geistiges   Potential (IQ größer oder gleich 130) entgegen der Erwartung nicht in   entsprechend gute Schulleistungen umsetzen kann. Die betroffenen Kinder zeigen   in einem/mehreren Fächern lediglich Leistungen im Klassendurchschnitt oder   bleiben sogar darunter.


Underachievement stellt ein umstrittenes Phänomen dar, dessen Definition einem zum Teil heftig geführten Diskurs unterliegt. Eine kritische Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Definitionen und Bezeichnungen ist angebracht: Was bedeutet eigentlich „erwartungswidrig“? Wessen Erwartungen sind hier gemeint? Verpflichtet Hochbegabung zu exzellenten Schulnoten?

Im Zusammenhang mit dem Phänomen Underachievement werden zunehmend Persönlichkeitsvariablen eines Kindes (Selbstkonzept, Selbststeuerung) fokussiert, da diese entscheidend zum Aufbau erfolgreichen Lern- und Leistungsverhaltens beitragen.

In der Beratungspraxis lässt sich eine große Bandbreite von Underachievement beobachten, die von einem recht unauffälligen Kind mit durchschnittlichen Schulnoten bis hin zum Schulverweigerer bzw. als „unbeschulbar“ bezeichneten Kind reicht.

Auftretenshäufigkeit von Underachievement: Ca. 12% der hochbegabten Kinder können als so genannte Underachiever bezeichnet werden.

Geschlechterverteilung: In Forschung und Praxis gibt es Hinweise für eine Häufung

männlicher Underachiever. Ausgeprägtes Störverhalten im Unterricht, massive Regelverstöße oder Schulverweigerung lassen sich in der Praxis häufiger bei Jungen beobachten. Hochbegabte Mädchen zeigen ebenfalls Symptome von Underachievement, jedoch werden sie durch ihre (sozialisationsbedingt) stärkeren Anpassungsbemühungen sowohl in ihren Stärken als auch ihren Problemen leichter „übersehen“ (vgl. Stapf 2002). Erwachsene sollten daher auch für Begabungen und Probleme von Mädchen sensibilisiert werden.

Hochbegabung ist nicht gleich Hochleistung. Hochbegabung bezeichnet lediglich das hohe geistige Potenzial eines Kindes. Ob sich dieses zu herausragenden Schulleistungen entwickelt, ist von einer Vielzahl von Faktoren in Elternhaus und Schule abhängig.

Die Hochbegabung eines Underachievers bleibt im schulischen Rahmen oft lange Zeit

unsichtbar. Da potenzielle Underachiever meist durch ein komplexes Bündel von

Verhaltensproblemen auffällig werden, durchlaufen sie häufig eine von wenig Erfolg gekrönte „Diagnose- und Therapiekarriere.“

Underachievement entwickelt sich prozesshaft und verläuft in Phasen. Sind im Kindergarten zunächst nur kleine Einbrüche sichtbar, nehmen die Probleme im Verlauf der Schulzeit allmählich zu. Meist werden die Auffälligkeiten in Klasse 5-7 unübersehbar und Anlass für die Hilfesuche.

Vielen Eltern und sogar Lehrern ist nicht bewusst, dass erfolgreiches Lernen und gute

Schulleistungen nur zu einem geringen Anteil mit der Begabung/Intelligenz eines Kindes zusammenhängen. Maßgeblich führen Persönlichkeitsvariablen wie hohe Lern- und Leistungsmotivation, eine gute Selbststeuerung und eine effektive Lern- und Arbeitsorganisation zum (schulischen) Erfolg. Daher werden häufig so genannte „Overachiever“, durchschnittlich begabte, fleißige Schüler mit besonders guter Arbeitsorganisation als „typisch hochbegabt“ bezeichnet.

Ein hochbegabtes Kind, welches nicht in der Lage ist, sich selbst zu motivieren oder seine Lernprozesse zu organisieren, wird folglich Leistungseinbrüche entwickeln. Wenn es keine Klassenarbeit ausreichend vorbereiten kann oder niemals Vokabeln lernt, wird auch das intelligenteste Kind schlechte Resultate erzielen. Fatal für hochbegabte Kinder ist, dass sie ihre Erfahrungen aus der Grundschulzeit („Mir fliegt alles zu!“, „Ich muss nie lernen!“) auch in die weiterführende Schule transportieren und dort zwangsläufig an Grenzen stoßen.